Südkorea hat am Samstag seinen Botschafter in Kiew nach Seoul zurückgerufen, was die neueste Maßnahme in einer Reihe von Vergeltungsreaktionen darstellt, die die bilateralen Beziehungen stark unter Druck gesetzt haben.
Hintergrund der Spannungen
Die plötzliche Verschlechterung der Beziehungen beider Länder geht auf den 23. September zurück, als Wolodymyr Selenskyj, der Präsident der Ukraine, bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York bekannt gab, dass die Ukraine zwei gefangene nordkoreanische Soldaten nach Südkorea überstellt hat. Diese Soldaten wurden im Januar 2025 im russischen Gebiet Kursk von ukrainischen Truppen gefangen genommen.
Die südkoreanische Regierung äußerte sofort Unzufriedenheit über Selenskyjs Enthüllung und behauptete, dass die beiden Länder vereinbart hatten, dass diese Überstellung Mitte September geheim bleiben sollte. Die Ukraine wies diese Behauptung zurück und erklärte, dass es keine Geheimhaltungsvereinbarung gegeben habe, weshalb Südkorea die Ukraine der Lüge beschuldigte und um eine offizielle Erklärung und Entschuldigung bat.
Versuche zur Deeskalation
Die Ukraine hat versucht, das, was sie als "diplomatisches Verständnis" bezeichnet, zu verbessern, hat jedoch auf eine öffentliche Entschuldigung, die in Seoul erwartet wurde, verzichtet. Berichten zufolge hat ein enger Berater von Selenskyj gesagt, dass über 176.000 Tonnen Diesel und andere Energieprodukte in den Monaten Juli und August von südkoreanischen Häfen nach Russland verschifft wurden, was einen Verstoß gegen internationale Sanktionen darstellen würde. Das Büro des Präsidenten Lee Jae-myung in Seoul wies diese Anschuldigung zurück und rief zwei Tage später seinen Botschafter nach Kiew zurück.
Irwin Tan, Professor für internationale Politik an der Hankuk-Universität, sagte, dass es mehrere Gründe gebe, warum Südkorea die Überstellung der Gefangenen geheim halten wollte. Laut ihm könnte die Enthüllung dazu führen, dass Pjöngjang Rache an den Familien der Soldaten übt. Außerdem wollte Seoul eine Verbindung zu Pjöngjang aufrechterhalten.
Kim Sang-woo, ein ehemaliger Politiker und Mitglied des Vorstands der Kim Dae-jung Friedensstiftung, wies ebenfalls darauf hin, dass die südkoreanische Regierung "Spannungen" mit Nordkorea vermeiden wollte. Er stellte auch klar, dass Moskau und Pjöngjang wahrscheinlich bald von dieser Überstellung erfahren würden und Lee Jae-myung in einigen inneren Kreisen wegen seines schwachen Erscheinungsbildes kritisiert wurde.
Obwohl Selenskyj in seiner Rede bei den Vereinten Nationen von der Überstellung zweier Kriegsgefangener berichtete, glauben einige, dass dieser Schritt möglicherweise geplant war, um mehr Unterstützung aus Seoul zu gewinnen. Obwohl die Ukraine mit den Russen über einen Gefangenenaustausch verhandeln könnte, gab sie der Bitte Seouls nach, was zu mehr finanzieller und militärischer Unterstützung aus Südkorea führen könnte.
Tan prognostiziert, dass die beiden Regierungen weiterhin gegenseitige Anschuldigungen erheben werden, es jedoch unwahrscheinlich ist, dass dies zu einem langwierigen Streit wird. Er ist der Meinung, dass nach einer Deeskalation beide Seiten stillschweigend und mit einem pragmatischen Ansatz wieder Kontakt aufnehmen werden.




